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Eine indische Legende

Nachdem der Schöpfer den Mann erschaffen hatte, waren alle materiellen Lebensbestandteile aufgebraucht. Woraus sollte er die Frau erschaffen? Es war nichts Solides, nichts Handgreifliches übrig geblieben.

Lange dachte der Schöpfer nach. Dann nahm er:

  • die Runde des Mundes
  • die Schmiegsamkeit der rankenden Weinrebe und das Zittern des Grases
  • die Schlankheit des Schilfstengels und die Blütenpracht der Blumen
  • die Leichtigkeit der Blätter und die Heiterkeit der Sonnenstrahlen
  • die Tränen der Wolken und die Unstetigkeit der Winde
  • die Furchtsamkeit der Hasen und die Eitelkeit des Pfaus
  • die Weichheit der Papageienbrust und die Härte des Diamanten
  • die Süßigkeit des Honigs und die Grausamkeit des Tigers
  • das Brennen des Feuers und die Kälte des Schnees
  • die Geschwätzigkeit der Elster und den Gesang der Nachtigall
  • die Falschheit des Kranichs und die Treue der Wildenten.

All diese nicht fassbaren Elemente vereinigte der Schöpfer zu einem neuen Wesen und führte es dem Manne zu.

Nach einer Woche kam der Mann zu ihm und sagte: „Herr, die Frau, die du mir gegeben hast, macht mich unglücklich. Sie redet ohne Unterlass und peinigt mich unerträglich, so dass ich keine Ruhe mehr finde. Sie will, dass ich ihr in jedem Augenblick Aufmerksamkeit schenke und auf diese Weise vergeude ich meine Zeit. Sie macht über jede Kleinigkeit großes Geschrei und führt ein faules Leben. Ich bin gekommen, um sie dir zurückzugeben, denn ich kann nicht mit ihr leben.“ „Nun gut“, sagte der Schöpfer und nahm sie zurück.

Eine Woche später kam der Mann erneut zum Schöpfer und sagte: „Herr, mein Leben ist so leer, seit ich dir dieses Geschöpf zurück gegeben habe. Ich denke dauernd an sie, wie sie tanzte und sang und mich aus ihren Augenwinkeln ansah, wie sie mit mir plauderte und sich an mich schmiegte. Sie war so schön und weich. Ihr Lachen machte mich so froh. Bitte gib sie mir zurück.“ „Nun gut“, sagte der Schöpfer und gab sie ihm zurück.

Aber schon nach drei Tagen kam der Mann wieder und sagte: „Herr, ich weiß nicht, ich kann es nicht erklären, aber nach all meinen Erfahrungen mit dieser Frau bin ich zum Schluss gekommen, dass sie mehr Kummer als Freude bereitet. Ich flehe dich an, nimm sie wieder zurück.“ Aber der Schöpfer sprach: „Mach, dass du fortkommst. Geschwind! Denn mir ist es genug. Lebe so, wie du kannst!“ „Aber, ich kann mit ihr nicht leben.“ „Und ohne sie kannst du auch nicht leben!“ entgegnete der Schöpfer.

Dann wandte er dem Manne seinen Rücken zu und fuhr mit seinem Werk fort. „Was soll ich tun?“ sagte der Mann voller Verzweiflung. „Ich kann nicht mit ihr leben und ich kann auch nicht ohne sie leben!“

© 2017 Daniela-Ingrid Oberth
Psychologische Praxis & Lebensberatung in Rostock